Eine Chance für die Zuversicht: Erinnerungen aus meiner Kindheit

Es gibt einen ganz besonderen Ort, wo wahre Schätze zu finden sind. Dieser Ort ist unser Geist, die Schatzkiste unserer Erinnerungen. Mit Erinnerungen meine ich die schönen Erinnerungen, die aus der Ferne glänzen und immer heller und strahlender werden. Vielleicht hast du auch ganz bestimmte Erinnerungen aus deiner Kindheit, die dich noch heute zum Lächeln bringen. Vielleicht kreierst du auch gerade selbst Erinnerungen mit deinen eigenen Kindern oder Enkelkindern. 

Irgendwann öffnet sich dann diese Schatzkiste wieder, versetzt dich zurück in die Vergangenheit und erzählt dir eine kleine Geschichte...

(Blumenwiese by Litha)


Eine Chance für die Zuversicht: 

Erinnerungen aus meiner Kindheit

 

Ich erinnere mich noch ziemlich genau an meine Oma. Sie war ein ganz besonderer Mensch. Nicht nur in meiner verklärten Erinnerung, auch auf objektive Weise betrachtet. Sie lebte im Haus meines Onkels, dem Bruder meines Vaters und hatte dort ihr eigenes Reich. Oft saß sie in einem Sessel am Fenster, wenn ich sie besuchen kam. Der Kater Loki lag gerne auf ihrem Schoß und ließ sich von ihr hinter den Fellohren kraulen. Es duftete oft nach Kräutertee, den sie so gerne trank. Er stand in einer geblümten Kanne neben ihr auf einem kleinen Tisch, denn ihr Tante Milena, die Frau von Papas Bruder ihr zubereitet hatte. Ich begrüßte sie meistens fröhlich, „Hallo Oma, ich bin’s Litha!“ Dann lächelte Oma immer und hielt die Hände ausgestreckt in meine Richtung. Ich legte dann mein Gesicht in ihre Hände und ließ ihre warmen Hände über meine Haut streichen. „Hallo Litha, ja du bist es! Ich spüre, dass du über das ganze Gesicht strahlst! Schön, dass du mich besuchen kommst!“ Oma war blind, das störte uns jedoch gar nicht. Wir konnten uns auch so über unendliche viele Themen unterhalten, zusammen Kräutertee trinken und uns sogar manchmal in den Garten setzen, wo Kater Loki schnurrend in der Sonne lag. Dann stupste Loki Oma manchmal mit der Nase an und er bekam seine Streicheleinheiten.

Als ich ein bestimmtes Alter hatte und in den Kindergarten gehen sollte, zögerte meine Mutter, mich dort hinzuschicken. Stattdessen gab sie mich, wenn sie arbeiten gehen musste zu meiner Tante Milena. Dort verbrachte ich eine schöne Zeit mit meiner Oma. Oft beobachtete ich sie, wie sie in einem Gartenstuhl saß und etwas strickte. Ja, meine Oma konnte stricken. Das hatte sie schon vor ihrer Erblindung gelernt und führte dies nun als Zeitvertreib weiter. „Kannst du die Blumen riechen, Litha?“ fragte sie oft. Ich nahm einen kräftigen Zug durch die Nase. Ich konnte den Duft von Heu und Wiese mit Kleeblumen und Kamillenblüten riechen. „Ja, Oma, ich rieche tatsächlich die Blumen!“ Ich spielte mit Loki und war sorglos und zufrieden.

Diese Zeit änderte sich, als ich in den Kindergarten kam. Die anderen Kinder zeigten mir deutlich, dass ich nicht so akzeptiert wurde, wie ich bin. „Du bist nicht wie wir!“, musste ich hören. Das machte mich oft sehr traurig und noch mehr, dass ich sie verstehen konnte. Denn mein Äußeres unterschied sich tatsächlich von dem der Anderen. Dann ging ich nach dem Kindergarten wieder zum Haus, in dem meine Oma wohnte. Sie begrüßte mich lächelnd wie immer: „Hallo Litha! Komm zu mir!“ Sie zog mich zu sich, so dass ihre Finger über mein Gesicht streichen konnten. „Du bist heute traurig, was ist denn los?“ An solchen Tagen genoss ich es besonders, mit meiner Oma Kräutertee zu trinken, über die großen und kleinen Dinge im Leben zu reden und im Garten mit Loki zu spielen.


Wenn es mir heute mal nicht so gut geht, erinnere ich mich an meine Oma. Ich versuche, die Gedanken in meinem Kopf zu bremsen, nur zu spüren, was um mich herum passiert. Ich frage mich dann, ob die Dinge, die mich so sehr stören, wirklich so furchtbar sind. Wenn meine Oma noch hier wäre, würde ich mit ihr meine Sorgen besprechen und sie würde mich aufmuntern und mir zulächeln. Sie ist für mich auch jetzt noch ein großes Vorbild, denn ihre Zuversicht war überwältigend. Ihre Augen konnten nicht sehen, jedoch war ihre Sicht auf die Welt umso klarer. An einem sonnigen Tag, wenn die Luft nach Heu und Wiesenblumen duftet, spüre ich die Liebe meiner Oma und bin mir sicher, dass alles gut ausgehen wird. Wenn die Sonne hinter dicken Wolken verschwindet und die Welt im trüben Licht erscheint, hilft mir eine Tasse Kräutertee, die Dinge etwas klarer zusehen. Dann schließe ich meine Augen, atme tief durch und gebe der positiven Wendung eine Chance.


ENDE


Gibt es bei dir auch Momente aus deiner Kindheit an die du dich immer wieder gerne erinnerst? Ich hoffe, diese Short Story hat dir gefallen und beschert dir einen schönen Tag! 

   Genieße die Sonne, 

           bis dann,

                     Litha




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